Unwissen schützt nicht

image(2)Die Entwicklungen sind rasant und nicht vorhersehbar. Wo heute noch die Boote ankommen, kann morgen bereits das Militär diese Landung verhindern. Wo jetzt immer noch Tausende auf ihre Weiterreise durch die EU hoffen, steht vielleicht schon die nächste Abschiebung bevor. Wie lange erdulden die in Griechenland gestrandeten Flüchtlinge noch ihre menschenunwürdige Lage? Mit welchen Mitteln versucht die EU in Realität zu verhindern, daß weiterhin Schutzsuchende nach Europa kommen? Und was passiert eigentlich wirklich in der Türkei?

Erneut begebe ich mich auf eine Reise an die Außengrenzen Europas. Wie schon bei meinem Melilla-Blog werde ich berichten, was ich dort sehe, erfahre und erlebe. Gerne würde ich hier heute einen Ausblick geben, was ich vorhabe. Dies ist nicht möglich. Nichts ist im Moment planbar.

Die aktuelle Politik macht mich hilflos. Ich denke, daß ist ein Gefühl, daß viele von Euch kennen. Ich habe mich entschlossen, diesem Gefühl der erzwungenen Passivität entgegenzutreten. Dazu muß ich soviel wie möglich mit eigenen Augen sehen. Ich werde mit Betroffenen sprechen. Ich werde versuchen, zumindest akut vor Ort zu helfen. Darüber werde ich hier berichten. Und daraus werden neue Kunstprojekte entstehen. Das ist meine Strategie, mit meiner Hilflosigkeit umzugehen.

Ich will es wissen. Denn die Augen vor der Realität zu verschließen hilft nicht – davon geht das Unerträgliche nicht weg.

Kopfkino

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Izmir, Basmane

Ich wusste, was mich hier erwartet. Ich habe mich schließlich vorbereitet. Ich weiß was hier täglich passiert.

Die Gegend rund um den Bahnhof Basmane ist die aktuelle Hauptanlaufstelle an der türkischen Ägäis, um die Weiterfahrt nach Europa zu organisieren. Syrische Familien wohnen in den billigen Hotels rundum, in arabisch beschrifteten Restaurants warten Schlepper auf ihre Kundschaft, Schwimmwesten sind wie selbstverständlich in den Schaufenstern der Geschäfte ausgestellt und auch wasserdichte Brustbeutel für Dokumente werden feilgeboten.

Das wusste ich vorab. Ich habe mich schließlich vorbereitet. Ich weiß, was hier täglich passiert.

Eine Frau mit Schwimmwesten in Plastiksäcken und einem Baby am Arm kommt mir entgegen. Hinter ihr ein Mann mit zwei Rucksäcken, hektisch gehen die beiden die Straße entlang.

Das ist hier Alltag.

Das wusste ich vorab. Ich habe mich schließlich vorbereitet. Ich weiß was hier täglich passiert.

Doch mein Kopfkino läuft.

Während der Papst nach Lesbos unterwegs ist…

Lesbos, EU
Lesbos, EU
Candarli, Türkei

Ich kann nicht schlafen und schaue aus dem Fenster. Lesbos scheint zum Greifen nahe. Wie viele Menschen haben letzte Nacht versucht, dieses Ziel zu erreichen? Wie viele sitzen hier in der Umgebung und denken über ihre Chance nach, endlich dorthinzugelangen? Ich weiß es nicht.

17 km

Dikili, Türkei

Dieses Video wurde gestern morgen in einer Bucht nahe Dikili aufgenommen.

Die letzten Stunden vor der Fahrt ins Ungewisse

Eine Bucht zwischen Dikili und Çandarli, Türkei

Fotoessay: Eine Kurve auf der hochgelegenen Küstenstraße. Das Auto fährt langsam, unser Kontakt meint, wir sollten genauer hinsehen. Dann sehen wir einen kleinen Pfad, er schlängelt sich die Felsen hinunter zum Meer. Genau an dieser Bucht beginnt für tausende Menschen der letzte Abschnitt ihrer Flucht nach Europa.

Text und Bilder: Michael Bonvalot und Tanja Boukal

Wir folgen zu Fuß dem Pfad zum Wasser. An den Feuerstellen, die überall zu sehen sind, haben sich die Menschen wohl notdürftig gewärmt. Immer noch kann es hier in der Nacht empfindlich kalt werden.

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