Welcome to Paradise

Welcome to Paradise

Welcome to Paradise Tanja Boukal Wien 2010 2 Seiten 101 x 56 cm Gestrick auf PVC

Hallo Welt,

dies ist mein Blog zur bevorstehenden Reise im Oktober 2014 an eine der Außengrenzen Europas .

Melilla: Spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste, 85.000 Menschen auf 13,5 Quadratkilometern – und: umgeben von einem 6 Meter hohen Zaun mit rasiermesserscharfem Stacheldraht, bewacht von Militär und Polizei, belagert von bis zu 30.000 Verzweifelten. Melilla – die Festung Europa im Kleinformat.

Bis dato habe ich Recherchen zu meinen Projekten immer undokumentiert betrieben. Doch diesmal versuche ich, meine Eindrücke hier mitzuteilen.

Begegnungen, Fotos, Fakten und Gedanken zur Situation in Melilla und rundum – ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

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Ankommen

Image00001In einer Stadt ankommen und angekommen sein ist nicht das Selbe.

Die Anreise dauerte gestern den ganzen Tag und ich kam erst abends hier am Flughafen an. Kaum betrat ich das Hotel, rief mir die Rezeptionistin ein freundliches „Bienvenido, Tanja“ zu. Ich war leicht irritiert, hatte ich doch nie zuvor dieses Hotel aufgesucht. Schnell stellte sich heraus, daß die Dame mich gegoogelt hatte und daher mein Gesicht sowie meine Arbeiten kannte – soviel zum Thema „unauffällig reisen“. Nach einigen Fragen, was ich denn hier so mache und der Versicherung, daß das Internet morgen wieder funktionieren wird, durfte ich mein Zimmer beziehen.

Der heutige Tag beginnt drückend schwül und regnerisch abwechselnd. An einen Kaffee ist vor 9.00 morgens nicht zu denken, die Stadt hat einen anderen Rhythmus.

Dann eine Absage, meine Kontaktperson muß überraschend verreisen, sie versichert aber, daß sich jemand anders bei mir melden wird.

Das Internet funktionierte immer noch nicht, also mache ich mich erstmal auf die Suche nach einem Supermarkt, den ich auch am anderen Ende der Stadt finde. Es ist „Kopfweh-Wetter“, der Verkehr ist laut und permanent werde ich um Geld und Zigaretten gefragt. Die Stadt ist viel zu voll. Der Strandspaziergang mittags endet mit einem Regenguß.

Mittlerweile bin ich in der Stimmung „Warum mache ich das eigentlich, ich will nach Hause“.

Doch als ich tropfnass zum Hotel zurückmarschiere, klingelt mein Telefon – es ist jemand, der mir bei meinen Recherchen helfen wird. Ich beschließe, mir einen Kaffee zu genehmigen und setze mich in eine Bar.

Die Kellnerin spricht mich mit „Mi Vida“ an, versichert, daß das Wetter besser wird, gibt mir ein Handtuch und binnen einiger Minuten bin ich in die Bargespräche bestens integriert.

Die Autos halten an, wenn ich über die Straße möchte, der Kioskverkäufer kann nicht wechseln und schenkt mir daher den Kaugummi und nachdem ich sehr hilfsbereit durch drei Geschäfte gelots wurde, besitze ich auch einen Stadtplan. Die angekündigte Freundin meiner Kontaktperson meldet sich bei mir und hilft mir, die Genehmigung für meine Arbeit im Flüchtlingslager zu beantragen. Das Internet im Hotel funktioniert wieder und ich trinke ein Glas Rotwein an einem kleinen Platz.

Tief durchatmen – Ich bin angekommen.

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Unsere 22.000 Toten

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Montags erschien der Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM): Insgesamt sind bei der Flucht auf dem Weg nach Europa seit dem Jahr 2000 über 22.000 Menschen ums Leben gekommen. Europa ist damit das gefährlichte Ziel weltweit für Migranten.

Europa reagiert mit Gleichgültigkeit auf dieses Massensterben an den Außengrenzen. Vielleicht läßt es sich ja auch nicht anders ertragen. Denn um die Toten zu trauern, würde bedeuten, sich eine sehr unschöne Wahrheit einzugestehen:

Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken oder an den Grenzzäunen von Melilla und Ceuta verbluten, sind unsere Toten.

Flüchtlinge werden schon lange nicht mehr als Menschen gesehen, es sind „Ströme“ oder „Wellen“, so als wäre deren Schicksal eine Naturkatastrophe und damit leider nicht zu ändern.

Europa wurde zu einer Festung ausgebaut, mit Soldaten, Zäunen und Kriegschiffen an seinen Grenzen. Wer jedoch in Europa Asyl beantragen möchte, muß zuvor diese Grenze überwinden, denn Flüchtlinge können keinen Asylantrag von außerhalb Europas stellen.

Die Bürgermeisterin von Lampedusa hat 2013 einen offenen Brief an die Eu geschrieben:

»Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen.

Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer in Kauf nimmt, um die Migrationsflüsse einzudämmen. Vielleicht betrachtet sie sie sogar als Abschreckung. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist.

Wenn Europa aber so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei es unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist.

Gezeichnet: Giusi Nicolini.«

Ich sitzte hier in einer Stadt, die umgeben ist von einem dreifachen, 8m hohen Zaun, bewacht von 2.600 Soldaten. Auf der anderen Seite sind bis zu 30.000 Flüchtlinge, die nur einen einzige Chance sehen: über den Zaun oder über das Meer nach Europa – oder bei dem Versuch zu sterben.

Ja, es sind unsere europäischen Toten und ich kann daran nichts ändern. Aber ich kann hinsehen und berichten.

Der Bericht zu den Todesfällen seit 2000 ist auf www.iom.int downloadbar.

 

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Regen

regen1… und damit fällt meine heutige Fototour aus.

Auch die Genehmigungen zur Arbeit im Flüchtlingslager sind noch nicht da. Da am Wochenende hier Eid ul-adha gefeiert wird und auch Montags Feiertag ist, wird sich in den nächsten Tagen diesbezüglich wohl nicht viel tun.

Das Warten zermürbt etwas.

Es gibt mir aber auch die Gelegenheit, ein sehr fesselndes Buch weiterzulesen.

FabienDidierYene_BisAnDieGrenzenFabien Didier Yene: Bis an die Grenzen. Chronik einer Migration. Deutsch von Beatriz Graf. Drava-Verlag, Klagenfurt 2011. 224 S.

Fabien Didier Yene ist einer jener Flüchtlinge, die zu Tausenden versuchen, die Drahtzäune von Melilla zu überwinden, um nach Europa zu gelangen. Immer wieder rennt er gegen den Grenzzaun an oder versucht schwimmend europäischen Boden zu erreichen. Immer wieder wird er zurückgeworfen, aufgegriffen, an die Grenze abgeschoben, einmal mit ein paar anderen mitten in der Wüste zurückgelassen. In der dritten Person erzählt er von seiner Reise nach Europa, die in Marokko zu einem vorläufigen Stillstand kommt.

Hier gibt es einen interessanten Artikel zum Autor:

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/leben-auf-der-falschen-seite-1.13543651

Und während der Regen ans Fenster prasselt, sitze ich mit einer Tasse Tee im Hotelzimmer, lese dieses Buch und bin unendlich dankbar, auf der richtigen Seite der Grenze geboren zu sein.

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Bilder einer Stadt – Der Tourismus

 

Melilla viejoEs ist Freitagabend in Melilla und das lange Wochende beginnt. Der heutige Tag hat mich wieder einen Schritt weiter gebracht. Ab Dienstag kann ich meine Arbeit im Flüchtlingslager beginnen und es sieht auch so aus, als würde ich eine andere Genehmigung bekommen, mit der ich nicht gerechnet habe. Davon mehr, wenn ich sie wirklich in Händen halte. Drückt mir die Daumen!

Am Wochenende möchte ich mich mit Melilla selbst beschäftigen. Um die Stadt besser kennenzulernen, versuche ich, mich ihr aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern.

Als Reisende beginne ich mit dem Naheliegendsten – dem Tourismus. Das Fremdenverkehrsbüro bietet diverse Broschüren, hier ein Auschnitt aus dem offiziellen Hauptprospekt.

Eine Stadt für die Sinne

Haben Sie sich Melilla schon einmal als Urlaubsziel vorgestellt? Oft haben die ungewöhnlichsten Reiseziele den Vorteil, entdeckt werden zu können. Hier bringen wir Ihnen Melillas Gegenwart näher, eine moderne und betriebsame Stadt, die ihren Besuchern viele touristische Reize anzubieten hat.

Die Stadt vereint in sich das Geheimnisvolle Afrikas und die Geschichte Spaniens: Eine kleine Stadt, die der Entdeckung und dem Vergnügen ihre Tore öffnet. Die Stadt Melilla ist das Fenster, durch das man zwei Kontinente betrachten kann. Sie ist seit über 500 Jahren eine vom Mittelmeer umspülte Enklave in Nordafrika, die entdeckungsfreudigen Besuchern einen Urlaub voller Exotik und kultureller Vielfalt und Aktivitäten im Freien bietet.

Vom Charme der Jahrhunderte alten Mauern der Zitadelle, bis zur farbenprächtigen Explosion der Jugendstil-Architektur mit mehr als 900 Jugendstil- und „Art-Déco“ Gebäuden bietet Melilla den flanierenden Besuchern eine Vielzahl von Eindrücken auf ihren Strassen. Das Meer und der Geist der vier Kulturen zeigt sich in der exquisiten Gastronomie und der Vielfalt der Bräuche und künstlerischen Ausdrucksformen der Stadt.

Nur wenige Menschen kennen die vielen Attraktionen, die dazu einladen, die Stadt Melilla zu besuchen. Die Pracht dieser Stadt, die die Geschichte als Brücke zwischen zwei Kontinenten durchlebt hat, offenbart wahre Schätze.

Eine der grössten Besonderheiten Melillas und sicherlich die Einladendste, ist der Charakter ihrer Menschen. Hier leben verschiedene Gemeinschaften zusammen (Christen, Muslime, Juden oder Hindus), die mit ihren kulturellen Identitäten die Stadt Melilla mit erstaunlichen Kontrasten füllen und die Strassen der Stadt bereichern.

Diese kulturelle Mischung prägt auch Melillas Gastronomie, die -als Verschmelzung der Mittelmeergastronomie und der multikulturellen Geschichte- mit ihrer Vielfalt an Aromen und geschmackvollen Spezialitäten die Gaumen erobert…

mehr auf http://www.melillaturismo.com

Es gibt auch ein sehr schönes Video, das in der Touristeninfo die ganze Zeit läuft:

Morgen geht´s weiter mit dem Bild, das die Medien vermitteln.

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Bilder einer Stadt – die Medien

mikrofone-dpaDie Journalisten sind wieder in der Stadt. Für dieses Wochenende hat die Guardia Civil erhöhte Alarmbereitschaft angekündigt. Morgen ist das islamische Opferfest, einer der höchsten islamischen Feiertage. Auf marokkanischer Seite des Zauns wird daher möglicherweise nicht so sorgfältig die Grenze bewacht. Die Militärhubschrauber kreisen über Melilla und das Polizeiaufgebot ist noch höher als sonst.

Vieles deutet darauf hin, daß wieder ein Massenansturm bevorsteht. Den ganzen September über war es ruhig am Zaun, die erneute Verstärkung zeigte Wirkung. Doch die Herbststürme und der Winter nahen – und damit wird das Leben für die Flüchtlinge am Monte Gurugu noch unerträglicher . Am 1.Oktober haben 200 Personen versucht, den Zaun zu überwinden, aber keiner hat es geschafft. Es muß bald wieder „etwas Großes“ stattfinden – und dieses Wochenende wäre die ideale Gelegenheit. Der Journalistentross ist in Melilla eingekehrt und wartet darauf, daß etwas passiert.

Es gibt kaum Medienbilder, auf denen die Stadt Melilla zu sehen ist. Die Berichte über die Fluchtversuche zu illustrieren, gestaltet sich schwierig, da diese schnell und überraschend –  logischerweise ohne vorherige Information der Medien – stattfinden.

presseWassergrenzeDieses  – im Jahre 2014 – meistgenutzte Bild wurde am 2.4.2014 an der nördlichen Grenze zu Melilla aufgenommen. Die Flüchtlinge saßen 15 Stunden lang am Zaun und weigerten sich, ihn zu verlassen. Dies gab genug Zeit, Fotos in diversen Varianten zu machen.  Alle Flüchtlinge wurden nach ihrer Verzweiflungstat den marokkanischen Behörden übergeben.

pressePolizeiEin weiteres beliebtes Motiv ist das Polizeihauptkommisariat. Es befindet sich direkt am Hafen. Hier müssen sich die Flüchtlinge registrieren lassen, um eine „Tarjeta“ zu bekommen, die den Zugang zum Lager CETI gewährleistet.

PresseCetiDies ist das Centro de Estancia Temporal de Imigrantes (Ceti). Auf den meisten Pressefotos ist es nur von außen zu sehen, denn es kann ohne  Genehmigung nicht betreten werden. Zur Struktur dieses Lagers erzähle ich nächste Woche mehr.

Fotos mit Migranten werden fast immer vor den Toren des CETI oder schräg gegenüber am Zaun gemacht. Würde direkt gegenüber des Lagers gefilmt, wäre der Golfplatz zu sehen. Zu diesem Kuriosum erzähle ich ebenfalls ein anderes Mal mehr.

PresseZaunDie meisten veröffentlichten Fotos des Zaunes sind im unmittelbaren Umkreis des CETI entstanden. Daher glaubt auch jeder, das hinter dem Zaun Einöde ist. An einigen Stellen geht die Stadt auf der anderen Seite des Zaunes einfach weiter ( es gibt kleine Grenzübergänge, die nur zu Fuß überquerbar sind), doch diese Bilder sind den meisten nicht bekannt.

Nachdem ich zur Recherche einige Zeit vor dem Google-Fotoarchiv verbracht habe, kann ich sagen, daß oft die selben Fotos seit Jahren zur Illustration unterschiedlichster Artikel verwendet werden. Sie sind scheinbar austauschbar.  Es geht wohl eher darum, eine Art „Symbolfoto“ zu verwenden als real Geschehenes zu illustrieren. Genau diese Bilder prägen unser aller Vorstellung, was dort passiert. Aber die Stadt besteht nicht nur aus dem Lager und der Polizeistation, die meisten Flüchtlinge im Lager sind keine Schwarzafrikaner sondern Syrer und die überwiegende Mehrheit der Zaunüberwindungen findet in der Nacht statt.

Wir denken in Bildern. Und diese Bilder haben wir durch die Medien – doch wie real sind sie?

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Die Ferien sind vorbei

Ein Tag am Strand

Einer der Strände von Melilla, bei 30 Grad und Sonnenschein

In den letzen Tagen bin ich fast in Urlaubsstimmung gekommen. Gestern ein Abend mit Tapas und Rotwein, heute ein Tag am Strand. Keine Recherchen, keine Anträge für Genehmigungen – einfach in der Sonne sitzen. Es ist Feiertag, alles ist geschlossen.

Bewusst habe ich es bis jetzt gemieden, mich dem Zaun zu nähern. Ich möchte mich nicht an seinen Anblick gewöhnen. Doch damit ist es morgen früh vorbei.

Ich darf bei ACOGE mitarbeiten. Diese NGO organisiert – neben all ihren anderen Aktivitäten – Kurse für Bewohner des Flüchtlingslagers. Es gibt Angebote wie Musik, Handarbeiten oder Sport. Klingt nach Freizeitvergnügen, hat aber einen durchaus ernsten Background.

Die Flüchtlinge haben meist einen langen, steinigen Weg hinter sich.  Sie haben auf ihrer Flucht unter unmenschlichen Bedingungen gelebt. Sie mußten falsche Identitäten annehmen, wurden gejagt wie Hunde und mussten ständig auf der Hut sein, wem sie vertrauen. Sie wurden möglicherweise geschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt oder mußten Mitreisende sterben sehen. All das hinterlässt Spuren, körperlich und seelisch. In den Kursen geht es darum, die Menschen wieder an ein menschenwürdiges Leben zu gewöhnen, gemeinsam etwas zu unternehmen, Vertrauen zu schaffen, genau hinzuhören und gegebenfalls medizinische oder rechtliche Hilfe anzubieten.

Ab morgen, 9.30 Uhr, beginnt mein Workshop mit Frauen aus dem Lager, das ich gemeinsam mit den erfahrenen Mitarbeiterinnen der ACOGE gestalten darf.

Darüber werde ich im Laufe der Woche berichten.

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Vier Sprachen & eine Nähnadel

Workshop, Tag 1

Workshop, Tag 1


22 Personen, 6 Nationen, 4 Sprachen und Vorkenntnisse von „Ich hatte noch nie eine Nadel in der Hand“ zu „Ich bin ausgebildete Restauratorin“. Willkommen im kreativen Chaos!

Wir treffen uns um 9 Uhr morgens im Flüchtlingslager CETI. Wir alle? Nein –  leider nicht, denn ich hab noch immer keine „Tarjeta“ (= Zugangsberechtigung). Also heißt es für mich erstmal vor der Tür warten, bis sich alle zusammengefunden hatten und wir unsere Stadtwanderung beginnen können.

Der Kurs findet in den Räumen der ACOGE statt, in einem anderen Stadtteil. Da das Lager völlig überfüllt ist (momentan 1462 Personen anstelle der geplanten max. 400) gibt es keine andere Option. Außerdem geht es auch darum, das sich die Menschen aus dem Lager herausbewegen und mal etwas anderes sehen.

Wir gehen zu Fuß, denn die Flüchtlinge bekommen hier zwar Schlafplätze, Essen und Kleidung, aber kein Geld. Daher fällt Bus fahren aus.

So ein langer Morgenspaziergang bringt die Gespräche schnell in Gang, nachdem alle herausgefunden haben, wer welche Sprachen spricht. Ich bin die Einzige der Betreuerinnen mit Englischkenntnissen, daher unterhalte ich mich hauptsächlich mit einer Frau von den Philippinen, einer aus Kenia und einer aus Syrien, die die meisten Sprachen von uns allen spricht (Englisch, Französisch, Arabisch und etwas Deutsch). Die Bewohner des Lagers kennen einander kaum, sie bleiben lieber nach Sprachgruppen getrennt unter sich.

Zu versuchen, in 3 Sprachen (Englisch, Französisch und Arabisch) gleichzeitig während eines Kurses zu kommunizieren, stellt sich als etwas kompliziert heraus. Keine der Betreuerinnen kann eine zweite Fremdsprache, also kommunizieren wir untereinander auf Spanisch, was aber sonst niemand versteht. Die meisten der 8 Männer haben noch nie genäht, ihre Erstversuche werden von den Frauen etwas belächelt. Doch irgendwie klappt es. Nach zwei Stunden zeigt eine Frau aus Syrien einem Mann von der Elfenbeinküste, wie ein spezieller Nähstich funktioniert, während ein anderes Mädchen aus Syrien mit einer Frau von den Philippinen wortreich – jede in Ihrer Sprache – über diverse Farboptionen diskutiert. Das Eis ist gebrochen und am Rückweg ins Lager ergeben sich viele Gesprächsversuche. Es wird auch versucht, sich auf Spanisch miteinander zu unterhalten, doch das geht über „Wie geht´s Dir“ noch nicht hinaus. Die meisten sind erst am Anfang ihres Spanischkurses.

Wir verabschieden uns am Eingang des CETI und ich muß die Einladung, mitzukommen und das Lager zu besichtigen, leider ablehnen – denn ich hab ja noch keine „Tarjeta“. Einer der Bewohner meint, er habe seine Tarjeta innerhalb von kurzer Zeit erhalten & für mich sollte das doch einfach sein, denn immerhin komme ich ja aus Europa. Dazu fällt mir nichts ein und ich vereinbare den Besuch für Donnerstag. Da geht der Kurs mit diesen Teilnehmern weiter.

Morgen beginnt ein zweiter Kurs, denn wir mußten aufgrund der vielen Anmeldungen den Workshop teilen. Dienstag & Donnerstag gibt es „Kunsthandwerk“, Mittwoch und Freitag widmen wir uns dem Ausbessern, Stricken und Nähen von Kleidung.

Für heute schwirrt mir der Kopf von all den Sprachen, aber ich hatte einen sehr spannenden Tag. Ich freue mich schon auf morgen – neue Bekanntschaften, ein neuer Kurs und neue Herausforderungen.

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Grenzen überwinden und Grenzen überschreiten

Am Weg zum Workshop, immer schön den Zaun entlang.

Am Weg zum Workshop, immer schön den Zaun entlang.

Heute früh morgens gab es wieder einen Massenversuch, die Grenze zu überwinden.
Stunde um Stunde fuhr die Guardian Civil durch die Stadt, die Hubschrauber kreisten und hektisch liefen die – in meinem Hotel untergebrachten – Polizisten laut telefonierend umher.

300 Menschen, nur einer hat die Flucht geschafft. Sie haben es an mehreren Stellen, an Land und übers Meer, gleichzeitig versucht.

Dies ist heute natürlich Thema am gemeinsamen Weg zum Workshop. Erinnerungen werden wach. Einer erzählt von seiner 1 1/2 Jahre dauernden Reise von Guinea nach Melilla. Via Mauretanien, Senegal und Algerien zum Monte Gurugu an der Grenze. Er hatte Glück, schaffte das Überklettern beim ersten Versuch. Von den 300, die es damals versuchten, haben es gerade mal 20 geschafft. Er erzählt von der marokkanischen Polizei, die auf jene am Zaun sitzenden Flüchtenden von unten mit langen Eisenstangen eingeschlagen hat und von der Guardian Civil, die sie – nach erfolgreicher Überquerung – ebenfalls schlug und ihre Handys zertrat. Ein anderer meint, dies sei nicht so schlimm, er wurde nach erfolgreicher Überwindung des Zaunes durch eine Tür nach Marokko zurückgeprügelt. „Heiße Abschiebung“ wird das genannt und ist klar gegen das europäische Asylrecht. Es hat ihn einige Monate gekostet, soweit wieder gesund zu werden, daß er einen neuen Versuch wagen konnte – diesmal erfolgreich.

Von solchen Übergriffen können die meisten hier berichten, sei es durch die marokkanische Security (das marokkanische Heer hat die Abteilung für die Grenzüberwachung mehr oder weniger privatisiert) oder die spanische Guardia Civil.

Wer das alles nicht glauben kann, dem lege ich das untenstehende Video ans Herz, die Dokumentation einiger Übergriffe des letzten Jahres. Es entstand für die aktuell laufende Ausstellung 100 Artistas en la frontera sur.


Das Video endet mit einer Einblendung, der ich mich anschließen möchte:

Diese Dokumentation wurde ermöglicht durch die Arbeit zahlreicher Künstler, Fotoreporter und Aktivisten der DDHH. Einige von ihnen haben aufgrund der Aufnahmen, die sie gerade gesehen haben, Geldstrafen erhalten,  anderen wurde die Kamera konfisziert.
An sie alle: Danke!

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Kobane ist nur ein Handyfoto entfernt

Ein weiteres Erinnerungsfoto: Auf die Tasche hat Hamid die kurdische Sonne gestickt.

Ein weiteres Erinnerungsfoto: Auf die Tasche hat Hamid die kurdische Sonne gestickt.

Hamid erwartet mich morgens am Treffpunkt zum Workshop. Er singt. Dann zeigt er mir Handyfotos einer zerstörten Stadt und Köpfen von Enthaupteten.
Er sagt nur ein Wort: Kobane.
Es sind die Bilder seiner Stadt. Seine Familie ist großteils noch dort oder in den letzten Tagen in die Türkei geflüchtet.

Weitere Fotos folgen: sein Haus, sein Geschäft, sein Leben.
Er kommentiert: Reposer perdu – Es ist verloren.

Menschen aus Syrien haben ihre Handys voller Fotos. Das ist alles, was ihnen geblieben ist. Da sie nichts mitnehmen konnten, wurde alles fotografiert. Hochzeitsfotos der Eltern, die Einrichtung der Wohnung, die Haustiere. Alles was ihnen wichtig ist. Sie waren Goldschmied, Biologieprofessorin, Grafiker. Sie haben studiert, gearbeitet, ihre Kinder aufgezogen. Sie kochten gerne, sammelten Schallplatten, haben in ihrer Freizeit Kleidung genäht. Sie haben Feste gefeiert, auf ein neues Auto gespart, Pläne für die Zukunft geschmiedet.

Jetzt sitzen sie im Lager, warten und sehen sich ihr bisheriges Leben auf dem Handy an. Sie sind nur noch eines – Flüchtlinge.

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Von Kenia nach Melilla

 

Sheila

Sheila, 25 aus Kenia

Sie steckt alle im Kurs mit ihrer guten Laune an. Nur wenn sie nach dem Grund für Ihre Flucht gefragt wird, ist sie kurz angebunden: „Big Troubles“. Ihre Reiseroute dauerte 6 Jahre. Ein Jahr von Kenia nach Marokko, dann hat sie 5 Jahre im Wald von Nador auf ihre letzte Station gewartet. Staubig sei es dort gewesen und sie mußte sich vor den marokkanischen Polizisten verstecken, die immer wieder die Lager im Wald zerstören. Kein Dach über dem Kopf, kein Geld um Essen zu kaufen, im Winter keine warme Kleidung.

Sie überquerte die Grenze unter einem Lastwagen versteckt. Seit zwei Wochen ist sie im Lager – und glücklich. Sie freut sich über die Dusche, schätzt das eigene Bett, mag das Essen. Nur ein bisschen langweilig ist es hier, deshalb besucht sie Kurse, hilft beim Hüten der Kinder, muntert die syrischen Flüchtlinge auf. Sie kommuniziert mit Allen, auch ohne deren Sprache zu sprechen. Sie freut sich auf den Tag, an dem sie endlich den „Entrada“ erhält, ihr Ticket zum Festland.

Heute ist sie nicht erschienen. Sie mußte zum Kommissariat. Ihre Chancen auf Asyl stehen nicht gut.

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Von Syrien nach Melilla

Danii, 15 und ihr kleiner Sohn

Danii, 15 und ihr kleiner Sohn

Danii kommt aus einem Dorf im Norden von Syrien. Ihr Mann konnte  sie auf seiner Flucht nicht mitnehmen,  da sie schwanger war. Er brachte sie zu Verwandten in einem vermeintlich sicheren Teil Syriens. Doch nach der Geburt ihres Kindes war auch dieser Ort nicht mehr sicher.

Ihr Mann, mittlerweile anerkannter Flüchtling in Frankreich, schickte Geld für ihre Flucht. Sie reiste mit ihrem Baby mittels eines gefälschten Passes über die marokkanische Grenze. Nun ist sie seit 6 Monaten hier im CETI. Minderjährig und alleine mit ihrem Sohn.

Sie wartet darauf, das ihr Asylverfahren endlich beginnt und sie zu ihrem Mann nach Frankreich reisen darf. Er hat sein Kind noch nie gesehen.

Mehr als 4 Millionen Syrer mußten bis jetzt aus ihrem Land flüchten.

Die EU hat insgesamt 130.000 Syrer aufgenommen. In Österreich wurde eine Sonderquote für 1000 zusätzlichen syrische Flüchtlinge beschlossen, die noch nicht ausgeschöpft ist, da sich noch keine passenden Flüchtlinge fanden.

Ich würde mir wünschen, das diese Asylpolitik einer der zuständigen Politiker mal Danii erklärt.

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Der Preis der Abschottung

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Erstmal hat die spanische Regierung offizielle Zahlen zu den Kosten der Zäune von Melilla und Ceuta veröffentlicht. Von 2004 bis 2014 wurden von Spanien 74.078.781 Euros für die Errichtung, Erweiterung, Verbesserung und Wartung der Grenzanlagen dieser beiden Städte ausgegeben.

Das ergibt durchschnittliche Kosten von 20.300 Euro pro Tag. Dabei noch nicht mitgerechnet sind die Kosten für die Vorort eingesetzte Polizei und das Militär.

Auch die Errichtung der Zäune, 1996 um Ceuta und 1998 um Melilla, sind nicht in dieser Kostenaufstellung berücksichtigt.

Allein 2014 kostete die Verstärkung des Zaunes mit feinmaschigem Drahtgeflecht € 2.110.000, davon € 1.318.000 für Melilla und € 792.000 Euro für Ceuta.

Insgesamt gelangten seit 2004 30.507 irregulare Flüchtlinge über den Zaun und das Meer in die Exklaven, 17.553 nach Melilla und 12.954 nach Ceuta.

Quelle: http://www.diariodenavarra.es/noticias/mas_actualidad/nacional/2014/09/10/espana_gastado_millones_anos_las_vallas_ceuta_melilla_174620_1031.html
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Die Stimmen der Anderen – Maruja Torres

Concertinas: Im Abstand von 38 Millimetern sind am Draht scharfe Klingen angebracht; 22 Millimeter lang, 15 Millimeter hoch. Genug, um Sehnen und Bänder, Nerven und Blutbahnen zu durchtrennen.

Concertinas: Im Abstand von 38 Millimetern sind am Draht scharfe Klingen angebracht; 22 Millimeter lang, 15 Millimeter hoch. Genug, um Sehnen und Bänder, Nerven und Blutbahnen zu durchtrennen.

Zweischneidige Messer

Eines Tages in ferner Zukunft, wird mir jemand ins Gesicht sehen und mich fragen: „Aber du hast es gewußt, nicht wahr? Du hast gewußt, daß am Weg nach Lampedusa Hunderte, nein Tausende sterben. Frauen, Kinder und Männer, die auf der Suche nach einem besseren Leben waren und es gab Gesetze, die es den Bürgern und Bürgerinnen Europas verbot, Beistand auf See zu leisten. Du wußtes, daß sie aus all den schwarzen Löchern Afrikas kamen, in kleinen Booten und Kanus, ein Kraftakt, um zu überleben. Sie vertrauten auf ihr Glück, die Angst im Nacken.Und sie wurden verhaftet, in Lagern vergessen, zurückgeschickt, man brachte sie sonstwohin, bis sie verschwanden.

Du wußtes, das die Subsaharios vor Durst in der Wüste starben und das die Kadaver der toten Frauen die Körper ihrer toten Kinder umarmten. Du wußtes, das die Zäune von Ceuta und Melilla verdoppelt und verdreifacht wurden und Messer am Stacheldraht montiert wurden, „Concertinas“ genannt. Was für ein schöner Name – Musik, um das Fleisch zu zerreißen – um die Verbannten des Hungers und der Kriegsmiseren zurückzuhalten. Um sie zusätzlich zu bestrafen, damit es noch mehr weh tat, damit ihre Träume noch grausamer verstümmelt wurden.

Du wußtest es. Und was hast Du getan? Hast Du in die andere Richtung geschaut? So wie die Deutschen, die Rauch aus den Schornsteinen qualmen sahen und glaubten, es sei eine neue Heizungsanlage?…

Die Angst vor dem Fremden, gut verwaltet, produziert Wahnvorstellungen in der Form von Messern. Sie verletzen und töten diejenigen, die kommen. Wenn wir, innerhalb der Zäune, angesichts dieses Horrors nicht aufschreien, ist es, als wären wir schon tot.

Dies sind von mir laienhaft übersetzte Auszüge aus einem spanischen Zeitungskommentar von Maruja Torres. 

Für das spanische Original siehe: http://www.eldiario.es/zonacritica/Cuchillas-doble-filo_6_193940622.html

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472 Fotos

Der gesamte Zaun, gestern fotografiert: Beginnend am Wasser, den Hügel hoch, die ganze Grenze entlang und wieder hinab zum Wasser.
12.8 km Zaun, der die Grenze setzt, zwischen Europa und Afrika, Perspektive und Frustration.
Valla gesamt
472 Fotos später stehe ich „La Valla“ noch immer verständnislos gegenüber. Der Zaun verlängert die Fluchtdauer. Er zwingt Menschen, im Wald zu vegetieren und ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Oder er zwingt sie, Schlepper zu bezahlen und gefälschte Pässe zu kaufen.
Er treibt den Preis, Europa zu erreichen, in die Höhe. Aber ich habe niemanden getroffen, der angesichts des Zaunes umkehren würde – wohin auch?

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Bossa! Bossa!

Heute um 6.30 erreichten sie das CETI

Heute um 6.30 erreichten sie das CETI: zwei von der Elfenbeinküste, einer aus Benin, drei aus Guinea,  ungeklärte Nationalität bei den Anderen. Dies sind Aufnahmen der Überwachungskamera.

Es scheint fast unmöglich, den Zaun zu überqueren. Die Überwindung aller seiner Hindernisse, die Gewalt der Soldaten auf beiden Seiten, das elektronische Überwachungssystem, die Wärmebildkameras, die Stolperdrähte … Es ist eine gigantische Maschinerie.

Barfuß, nur bewaffnet mit dem enormen Verlangen nach einem besseres Leben und blindem Vertauen, es zu schaffen. Sie haben sich Handschuhe mit Enterhaken gebaut, um sich im engmaschigen Gitter festzuhalten.

David gegen Goliath – heute nacht haben es 10 Menschen geschafft.

Willkommen! Bossa!

Bossa! ist der Siegesschrei aller Subsaharianos, wenn sie in Melilla ankommen
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Vor unseren Augen

15.10.ÜbertrittsversuchHeute morgen am Zaun. Mit enormer Gewalt hat die Guardia Civil und Dutzende Migranten nach ihrem Sprung vom Zaun durch eine Türe wieder auf die marokkanische Seite der Grenze geprügelt. Das ist ganz klar illegal. Einmal in Spanien, haben diese Menschen per Gesetz das Recht auf ein Asylverfahren.

abgeschnittener GurtEiner von der Guardia Civil schnitt das Seil durch, der Mann fiel auf den spanischen Boden aus einer Höhe von vier oder fünf Metern und wurde anschließend nach Marokko deportiert. Auch das ist klar gegen jedes Gesetz.

Das alles passiert vor den Augen dutzender Zeugen. Ich selbst war nicht vorort, konnte aber im CETI vier Migranten sehen, die es geschafft haben, durchzukommen.

Nachtrag: alle Videos zum skandalösen Vorgehen der Guardia Civil sind in nachfolgenden Blogbeiträgen gepostet, siehe: hier und hier

Die Stellungnahme des europäischen Kommissars für Menschenrechte findet ihr hier

 

Bitte postet diesen Beitrag weiter, dieses brutale Vorgehen muß ein Ende haben.

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Guardia Civil bricht europäisches Recht

Nachtrag zur heutigen Menschenrechtsverletzung am Zaun.
Hier ist ein klarer Gesetzesbruch dokumentiert – es ist illegal, einen Menschen abzuschieben, ohne das er die Möglichkeit hatte, einen Asylantrag zu stellen. Er befand sich eindeutig auf spanischem Gebiet und wurde wie ein Stück Vieh gegen jede gesetzliche Grundlage zurück nach Marokko deportiert.

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Ein nie geschriebener Leserbrief

Dieses Foto diente heute in unzähligen Artikeln als Illustration

Dieses Foto diente heute in unzähligen Artikeln als Illustration

Liebe Medien,
ich schreibe heute an Euch alle, die ihr eine Pressemeldung der Guardia Civil unkommentiert übernommen haben.
Da ist von der „außergewöhnlichen Gewalt“ der Flüchtlinge die Rede und von fünf verletzten spanischen Polizisten.
Viele von Euch zeigen als Bild zum Artikel ein Foto, auf dem verzweifelte Menschen zu sehen sind, die auf dem Zaun sitzen. Wenn Ihr dieses Bild genau angesehen hättet, wäre Euch vielleicht aufgefallen, das da ein Mann in Uniform zu sehen ist, der das Seil durchschneidet, an dem ein anderer Mann in ca. 5 m Höhe am Zaun hängt. Ist das eine neue Strategie der Flüchtlinge? Sie quälen die armen dunkelhäutigen Mitarbeiter der Guardia Civil?

Hiermit möchte ich Euch ein Video vorstellen, dass zeigt, wie raffiniert diese gewalttätigen Migranten nun vorgehen.
Sie ziehen sich Uniformen der Guardia Civil an und prügeln auf die wehrlos am Boden liegenden Polizisten ein. Wahrscheinlich ist dabei sogar einer gestorben, es gibt noch keine Bestätigung.

Ich möchte euch jedenfalls herzlich für Eure unabhängige Berichterstattung danken, in der ihr auch immer wieder explizit auf die Flüchtlingsflut hinweist, die vor den Toren Europas nur darauf warten, hineinzustürmen. Da verstehe ich auch gleich viel besser, warum striktes Vorgehen an den Grenzen unbedingt notwendig ist. Es wäre fatal, es diesen linkslinken Querulanten zu ermöglichen, auszusprechen, dass die europäische Flüchtlingspolitik für viele tötlich ist. Wo kämen wir denn hin, wenn Menschenrechtsaktivisten zitiert würden oder auf die permanente Gesetzesbrüche der Guardia Civil hingewiesen würde, die gerade Thema einer gerichtlichen Anhörung in Melilla sind?

Bitte lasst Euch keinesfalls von irgendjemandem einreden, dass es Eure Arbeit ist, offizielle Pressemeldungen zu hinterfragen.

Ich verstehe Euer Vorgehen vollkommen und werde Euch auch weiterhin jedes Wort glauben.
Ein herzliches Danke & weiter so!

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Zeichnen, worüber man nicht sprechen kann

Zeichnungen CETI 17_10_Seite_04All die Menschen hier im Lager tragen ihre persönliche Fluchtgeschichte in sich. Es sind Geschichten der Gewalt, des Leides und des Wartens. Geschichten voller verzweifelter Momente, der Erinnerung und der Ungewissheit.

Wie ist es möglich, diese Geschichten zu erfahren, ohne zu sehr in die Privatsphäre einzudringen? Ohne an Erinnerungen zu rühren, die schmerzhaft sind?

Die Wahrheit ist, es ist nicht möglich. Bei diesem Workshop gibt es so viele unglaublich berührende Momente.

Hier eine kleine Auswahl der heute entstandenen Arbeiten.

Mittig ganz hinten auf der Zeichnung hat der Zeichner "New Live" geschrieben

Mittig ganz hinten auf der Zeichnung hat der Zeichner „New Live“ geschrieben

Hier rechts unten: The only way for keeping our lives

Hier rechts unten: The only way for keeping our life

 

Zeichnungen CETI 17_10_Seite_01

Diese Zeichnung wurde von einem 7jährigen syrischen Kind gestaltet.

Zeichnungen CETI 17_10_Seite_07Zeichnungen CETI 17_10_Seite_11Nächsten Montag geht das Projekt weiter.

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Menschenrechtskommissar des Europarates verurteilt das Vorgehen der Guardia Civil

Dies ist die klarste und deutlichste Stellungnahme seitens der Europäischen Union seit langem. Nun ist es wichtig, daß diese Untersuchung der Polizeigewalt an Europas Außengrenzen tatsächlich stattfindet. Der Druck, diese Vorgänge zu untersuchen, darf nicht nachlassen.

Yesterday’s events in Melilla, where the Guardia Civil used violence against several migrants and returned them to Morocco without assessing their needs or allowing them to seek asylum, is yet another disturbing illustration of flaws in Spain’s treatment of migrants in its exclaves.

When migrants reach a Council of Europe country, the State authorities have the duty to examine their situations individually and allow them to seek asylum. It is illegal for a state to simply push them back. Spain has failed to uphold its international obligations in this field — sadly, this is not the first time.

To amend this situation, it is now necessary that an investigation is opened to establish accountability for police violence. Clear orders must be given to avoid the future re-occurrence of violence and discontinue current push-back practices.

Migration flows certainly represent a challenge for European countries, but this does not justify border control operations which are incompatible with human rights standards.

Bitte fordert die rückhaltlose Aufklärung  von Kommissar Nils Muižnieks via Facebook

oder schreibt/mailt/telefoniert mit:

Council of Europe
Office of the Commissioner for Human Rights
67075 Strasbourg Cedex
FRANCE

  +33 (0)3 88 41 34 21
  +33 (0)3 90 21 50 53
  commissioner [at] coe.int

Es ist wichtig, weiterhin Druck zu erzeugen und zu zeigen, daß wir nicht einverstanden sind mit einem derart menschenverachtendem Vorgehen der Grenztruppen

 

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Willkommen in Spanien

1413793247_241204_1413793299_album_normalBossa, bossa! Diese Rufe erwarten mich heute im Ceti. Vor dem Tor, jede Menge Journalisten. Im Ceti selbst herrscht Freude. Lange nicht mehr gesehene Freunde werden begrüßt, jeder lacht. Einige versuchen zu zählen, wie viele es geschafft haben, immer wieder kommen Neue an.

Sie haben es scheinbar gleichzeitig über das Wasser und an mehrerer Stellen des Zaunes versucht. Noch ist nicht klar, wieviele es wirklich sind (bis jetzt angekommen sind mehr als 60) und wo überall sie es geschafft haben, den Zaun zu überwinden.

Ich werde versuchen, mehr zu erfahren.

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Wir bauen ein Boot

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Die Handabdrücke einer syrischen Familie

Hier im CETI besteht die Tagesaufgabe hauptsächlich aus Warten. Warten darauf, endlich den ersehnten „Salida“ zu bekommen, d.h. aufs Festland verlegt zu werden. Jemand hat mal gesagt, daß Melilla ein großen Freiluftgefängnis ist – und dies ist wahr. Die Migranten dürfen sich zwar in der Stadt frei bewegen, haben aber weder Geld zur Verfügung, noch dürfen sie Melilla verlassen. Erst mit dem „Entrada“-Stempel werden sie per Boot aufs Festland gebracht, das dauert zwischen 3 Monaten und 5 Jahren, obwogl das Lager als Erstaufnahmelager konzipiert ist, müssen alle, ohne bestehenden Grund dafür, hier warten. Das Lager ist heillos überfüllt., Drei Mal die Woche gibt es eine Stunde Spanischunterricht, immer wieder Befragungen durch die Polizei. Keiner interessiert sich für die Geschichte der Menschen, niemand für ihre Hoffnungen und Träume.

Gemeinsam mit einer Künstlerin aus Melilla und all den teilnehmenden Menschen aus dem Ceti machen wir ein Kunstprojekt. Wir bauen ein Boot, als Symbol für ihre Reise, ihre Erlebnisse und Träume.

Einige der zeichnungen hab ich schon in einem anderen Beitrag gezeigt.

Einige der Zeichnungen hab ich schon in einem anderen Beitrag gezeigt, sie zeigen die Flucht bzw. wie die Menschen nach Melilla kamen.

Es werden auch Thirts mit wünschen, Hoffnungen und Träumen bemalt

Es werden auch T-shirts mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen bemalt

Jetzt geht es ans Boot bauen

Jetzt geht es ans Boot bauen

Umringt von dutzenden Kinder machen wir uns ans Werk

Umringt von dutzenden Kinder machen wir uns ans Werk

Das Projekt erregt Neugierde, in allen Sprachen versucht jeder, den besten Weg zu finden.

Das Projekt erregt Neugierde, in allen Sprachen wird versucht,  den anderen die beste Methode zum Bootsbau zu erklären.

Langsam nimmt es Gestalt an ...

Langsam nimmt es Gestalt an …

Wir bringen das Boot mit dutzenden Kindern im Schlepptau zum Trocknen

Wir bringen das Boot mit dutzenden Kindern im Schlepptau zum Trocknen

Müde, aber zufrieden.

Müde, aber zufrieden.

Morgen werden wir das Boot mit den entstandenen Zeichnungen und T-shirts beziehen. Es war ein anstrengender, aber wirklich erfüllter Tag.

 

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Das ist keine Fotomontage

Foto, aufgenommen von Jose Palazon heute vormittags

Foto, aufgenommen von Jose Palazon heute vormittags

Seit heute, 7.50 Uhr morgens, sitzen diese Menschen auf dem Zaun und weigern sich noch immer verzweifelt, hinunterzukommen. (Stand 19.30 Uhr)

Es gab wieder einen Versuch, den unmenschlichen Zaun zu überwinden. Diesmal fast direkt gegenüber des CETI. 15 – 20 Menschen unterschiedlicher Nationen haben es geschafft, der Rest (ca. 80 Personen) wurde vom marokkanischen Militär gestoppt bzw sitzen am Zaun fest. Nachdem Bewohner des CETI versucht haben, nahe des Zaunes zu gelangen, um die Polizei abzulenken, durfte ab 08.15 niemand dunkler Hautfarbe mehr das Ceti verlassen.

Welch bizarrer Anblick. Im Lager beobachten die Bewohner durch den Zaun des CETI den Grenzzaun, auf dem sich verzweifelte Menschen seit Stunden festkrallen. Die Straße am Zaun ist komplett für den Verkehr gesperrt, damit niemand dem Geschehen zu nahe kommt. Am Golfplatz zwischen Ceti und „La Valla“ kurven die Golfwagen und gestylte Menschen spielen Golf, als ob nichts wäre.

DIESES FOTO IST KEINE FOTOMONTAGE! Auch ich selbst habe einige Aufnahmen gemacht.

Gibt es ein besseres Symbol für den Zustand Europas?

 

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Der Abschied naht

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Heute war der Tag der Verabschiedungen im Ceti. Ein Tag der Freude und der Tränen. Viele derjenigen, mit denen ich in den letzten Wochen gearbeitet, gelacht und geweint habe, haben heute ihren „Salida“ erhalten, d.h. sie dürfen aufs Festland.. Andere müssen weiterhin darauf warten.
Auch für mich war heute der letzte Tag im CETI. Entstehende Freundschaften werden jäh zerrissen. Am meisten werden mir zwei Frauen fehlen. Sheila aus Kenia, die mit ihrem unermüdlichen Optimismus und ihrem Lachen jede schwierige Situation gerettet hat. Und xxx aus Syrien, die mich gelehrt hat, was es heißt, alles zu verlieren und trotzdem weiterzukämpfen. Aber da sind auch noch Yussuf, James, Peace, Aisha, Lamis, Hamid, David, Radieta, Apinga und ganz viele andere. Ihr werdet mir fehlen! Ich hoffe, ihr alle findet eine Möglichkeit, eure Träume zu erfüllen. Ich wünsche es Euch von Herzen.

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Der Golfplatz und die Flüchtlinge – Das Video

https://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=Vb1lP69c3ZA

Das Video zum Foto, aufgenommen während mehrerer Stunden am 22.10.2014, Golfplatz von Melilla.

Die letzten Flüchtlinge gaben um 21.30 Uhr auf, die Guardia Civil hatte ihnen während all dieser Stunden (ab 7:50 Uhr morgens) nicht einmal eine Flasche Wasser gegeben. Alle wurden nach Marokko deportiert.

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Zu Hause

Welcome to Paradise Tanja Boukal Wien 2010 2 Seiten 101 x 56 cm Gestrick auf PVC

Welcome to Paradise Tanja Boukal Wien 2010 2 Seiten 101 x 56 cm Gestrick auf PVC

Morgens auf den Flughafen von Melilla, Paß herzeigen, einsteigen ins Flugzeug, nach Österreich fliegen. Ein simpler Vorgang – für mich als Europäerin.

Zur selben Zeit sitzen am Monte Gurugu, in den Wäldern rund um Ceuta, an all den afrikanischen Küsten sowie in der Türkei Tausende fest – Nichteuropäer.

Unsichere kleine Boote, heillos überfüllt, sind im Mittelmeer unterwegs, Menschen versuchen schwimmend den Grenzfluß Evros zwischen der Türkei und Griechenland zu durchqueren und an den Zäunen von Ceuta und Melilla werden die nächsten Überwindungsversuche geplant.

Keiner dieser Menschen unternimmt so eine Reise aus Spaß. Und die wenigsten könnten wieder umkehren. Zu viel haben sie riskiert, um an Europas Grenzen zu gelangen.

Miltär, Marine und Zäune werden niemanden davon abhalten, nicht wenigstens zu versuchen, das Ziel der Reise zu erreichen. Nur der Preis wird immer höher und die Opferzahl.

Europa muß entscheiden, wie es damit umgeht. Doch Europa sind nicht nur Regierungen, sondern auch die Bewohner_innen.

Ich wollte wissen, was dort am Zaun passiert und ich will auch wissen, was anderswo an den Grenzen passiert. Denn nur wenn wir aufhören, wegzusehen und solche Zustände zu ignorieren, kann sich etwas ändern.

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