Unsere 22.000 Toten

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Montags erschien der Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM): Insgesamt sind bei der Flucht auf dem Weg nach Europa seit dem Jahr 2000 über 22.000 Menschen ums Leben gekommen. Europa ist damit das gefährlichte Ziel weltweit für Migranten.

Europa reagiert mit Gleichgültigkeit auf dieses Massensterben an den Außengrenzen. Vielleicht läßt es sich ja auch nicht anders ertragen. Denn um die Toten zu trauern, würde bedeuten, sich eine sehr unschöne Wahrheit einzugestehen:

Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken oder an den Grenzzäunen von Melilla und Ceuta verbluten, sind unsere Toten.

Flüchtlinge werden schon lange nicht mehr als Menschen gesehen, es sind „Ströme“ oder „Wellen“, so als wäre deren Schicksal eine Naturkatastrophe und damit leider nicht zu ändern.

Europa wurde zu einer Festung ausgebaut, mit Soldaten, Zäunen und Kriegschiffen an seinen Grenzen. Wer jedoch in Europa Asyl beantragen möchte, muß zuvor diese Grenze überwinden, denn Flüchtlinge können keinen Asylantrag von außerhalb Europas stellen.

Die Bürgermeisterin von Lampedusa hat 2013 einen offenen Brief an die Eu geschrieben:

»Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen.

Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer in Kauf nimmt, um die Migrationsflüsse einzudämmen. Vielleicht betrachtet sie sie sogar als Abschreckung. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist.

Wenn Europa aber so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei es unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist.

Gezeichnet: Giusi Nicolini.«

Ich sitzte hier in einer Stadt, die umgeben ist von einem dreifachen, 8m hohen Zaun, bewacht von 2.600 Soldaten. Auf der anderen Seite sind bis zu 30.000 Flüchtlinge, die nur einen einzige Chance sehen: über den Zaun oder über das Meer nach Europa – oder bei dem Versuch zu sterben.

Ja, es sind unsere europäischen Toten und ich kann daran nichts ändern. Aber ich kann hinsehen und berichten.

Der Bericht zu den Todesfällen seit 2000 ist auf www.iom.int downloadbar.

 

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