redebeitrag

This document is available in german language only. Sorry for the inconvinience.

Zurück zum Hauptartikel über die Intervention “Etablierung einer temporärer Verhüllung”

 

„Solange die Löwen nicht ihre eigenen Historiker haben, werden die Jagdgeschichten weiterhin den Jäger verherrlichen.“
(Eduardo Galeano)

 

Täglich gehe ich durch die Arnezhofer-Straße. Bis vor einem Jahr wusste ich nicht, wer Arnezhofer war, doch seitdem ist es mir unerträglich, diesen Straßennamen zu verwenden.

Seit 1906 heißt diese Gasse so. Unter der Regierung Luegers wurden einige Gassen nach berühmten klerikalen Antisemiten benannt. Die antisemitischen Aussprüche Luegers und seiner christlichen Parteifreunde sind bekannt.

Wer Jud is, bestimm ich!

Da ist seit 1903 die Abraham A Sancta Clara- Straße im ersten Bezirk. Er schrieb in seinem Buch “Judas, der Erzschelm”: “Die Juden sind allesamt ehrvergessene, gottlose, gewissenlose, boshafte, schalkhafte, verruchte und verfluchte Gesellen und Bösewichte, Kotkäfer und Galgenzeiserl, Blutegel und Bluthunde.” und verfasste Dutzende antisemitische Hasspredigten.

Im Jahre 1906 bekam Johannes Capistran (1386-1456) eine Gasse im 6. Bezirk. Der Prediger aus Neapel wetterte gegen die Hussiten, Türken und Juden und nahm auch in Breslau an Judenverbrennungen teil.

Hier in der Leopoldstadt gibt es die Arnezhoferstraße. Dieser katholische Pfarrer war bei der Judenausweisung unter Leopold I. 1679 der Judenkommissar für die Ausweisung, das heißt er hat sie organisiert.

Ist es wichtig, wie eine Straße heißt?

Ich finde „ja“, denn ein Straßenname prägt sich – wenn auch unbewusst – ein. Die Straßennamen dienen nicht nur der Orientierung im Straßennetz, sie erzählen auch Geschichten und beschreiben so den Charakter der Stadt. Sie erinnern an wichtige Ereignisse und ehren bedeutende Persönlichkeiten.

Durch die permanente Verwendung wird der Namensträger in Erinnerung behalten und täglich mehrmals genannt. Er bleibt der Welt erhalten.

Im Zuge meiner langjährigen Beschäftigung mit Widerstand bin ich auf ungezählte Aktionen und WiderstandskämpferInnen aufmerksam geworden und habe mich immer wieder gefragt, warum nur ein sehr eingeschränkter Personenkreis ihre Geschichte kennt.

Ich spreche von Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens gegen den Faschismus gekämpft haben.

Menschen, die ihr persönliches Wohl hintangestellt haben.

Menschen, für die es eine Notwendigkeit war, sich gegen das mörderische NS-System zu wehren.

Menschen, die nur zu oft für ihre Courage mit dem Leben bezahlen mussten.

Es gibt ein Buch einer Kremser Widerstandskämpferin, das den Titel: „Wir waren keine Helden“ trägt. Dieser Titel sagt viel über das Selbstverständnis dieser Menschen aus. Viele, die sich trotz massiver Gefährdung gewehrt haben, sehen ihr Handeln ganz einfach als ihre einzig mögliche Reaktion auf den NS-Terror.

Ich glaube, dass all diese Menschen einen Platz in der Öffentlichkeit haben sollten, das es notwendig ist, das ihr Name immer wieder genannt wird und sie damit im öffentlichen Bewusstsein bleiben.

Daher haben wir die Arnezhofer-Straße nach einer Widerstandskämpferin umbenannt. Selma Steinmetz, geboren 1906, wurde als Widerstandskämpferin in der Travail Antiallemand in Südfrankreich im Juni 1944 von der Gestapo verhaftet. Sie überlebte und kehrte nach Wien zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1979 wesentlich am Aufbau des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands beteiligt war.

Wir haben unter allen Straßenschilder unsere neuen Schilder angebracht, und hoffen damit, das der vorgeschlagenen Name sich im Bewusstsein verankert.

Mit dem heutigen Fest wollen wir eine Öffentlichkeit schaffen, die unser Vorschlag diskutiert. Denn nur gemeinsam können wir eine Umbenennung erreichen.

Ich möchte auch all den Menschen, die sich an der Organisation dieser Veranstaltung beteiligt haben, danken. Ob nun das Stuwerkomitee, die Lokale, die uns mit Speis & Trank versorgen sowie die Geschäfte, in denen wir unsere Plakate aufhängen durften.

Natürlich hat die Welt größere Probleme, als ob in der Leopoldstadt eine kleine Straße nach dem Organisator eines Judenprogroms im 17. Jahrhundert benannt ist, doch ich finde es nicht egal.

Von den 6200 Verkehrsflächen in Wien sind bis jetzt nur ganz wenige dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewidmet.

Es geht darum, vergessener und verdrängter Geschichte wieder Gesichter und Namen zuzuordnen. Selma Steinmetz ist heute – wie so viele ihrer GenossInnen – nur noch einer kleinen Minderheit bekannt. Zahlreiche Menschen haben im antifaschistischen Widerstand eine bedeutende Rolle gespielt, die jedoch bis heute nicht entsprechend anerkannt und gewürdigt worden ist.

Die Umbenennung in Selma-Steinmetz-Straße soll ein kleiner Beitrag zur Sichtbarmachung sein.