Eröffnungsrede von Tina Teufel zu Tanja Boukals "Welcome to Paradise"

“Welcome to Paradise!” Willkommen im Paradies, dem Ort des positiven, harmonischen und zeitlosen Lebens, dem Ort, indem menschliches Elend und Hoffnungslosigkeit keinen Platz haben und Friede, Wohlstand und Zufriedenheit herrschen!

 

Willkommen im Paradies? Wie soll man sich willkommen fühlen, steht man doch vor verschlossenen Türen: „umschlossen“, „von Mauern umringtes Gebiet“ ist die eigentlich Bedeutung der alt-iranischen Wurzeln unseres Wortes „Paradies“. Die gesamte etymologische Entwicklung hindurch ist das „Paradies“ in den unterschiedlichen Sprachen ein Ort, der hermetisch abgeriegelt ist, ein Garten, der alles Negative außen vor lässt.

 

Für tausende Menschen ist Europa ein Paradies, in das sie sich Zutritt erhoffen, für das sie meist nicht nur ihr gesamtes Hab und Gut, sondern auch ihr Leben geben. Tausende Menschen, die eingepfercht in überladenen Schiffen über das Meer reisen, Menschen, deren Namen wir nie erfahren, deren Existenz am seidenen Faden hängt.
Am seidenen Faden“, so heißt auch eine Serie von Stickbildern, die ein Teil der hier präsentierten Werkgruppen von Tanja Boukal ist. Sie basieren auf Zeitungsschnipseln – von uns meist nur flüchtig angesehen, von Tanja Boukal Pixel für Pixel nachgestickt als Ausdruck der Verzweiflung, die den abgebildeten Menschen ins Gesicht geschrieben ist.

 

Gemeinsam mit der Installation “Weit draußen”, einer 28-teiligen Serie von Faltschiffchen aus Papiermaché, im ersten Raum ist sie eines von zahlreichen Arbeiten der Künstlerin, mit denen sie Kritik übt.

 

Während die Stickbilder auf Pressefotos basieren, enthalten die Papiermaché-Schiffchen jeweils ein Datum. Es sind 28 Stück für all jene Pressemeldungen des Monats Dezember 2007, in denen über unterschiedliche, untergegangene Schiffe mit MigrantInnen und die Opferzahlen berichtet wurde. Es war einer jener Monate, in denen besonders viele Überfahrten aus den unterschiedlichsten Regionen in den Schengenraum verzeichnet wurden.

 

Die Kunst ist Tanja Boukals Sprachrohr, weshalb sie sich nicht auf ein Material, eine Darstellungsweise, eine Technik beschränkt, sondern immer mit Blick auf die Installation jene Präsentationsform der ihr wichtigen Inhalte wählt, die ihnen am meisten entsprechen.
Ihr Frühwerk ist charakterisiert durch eine Vielzahl an skulpturalen Werken, in denen sie bereits gesellschaftskritische Themen aufgriff, seit einigen Jahren beschäftigt sie sich vermehrt mit handwerklichen Techniken wie Sticken und Stricken, die nicht nur ob ihrer Verwandtschaft zur pixelbasierten Bildauflösung unserer Medienbilder für sie relevant sind, sondern auch ob der Zeitintensivität. Zeit sichtbar zu machen und diese Zeit in Relation zur bildimmanenten Verzweiflung der Dargestellten zu bringen, ist in den Stick- und Strickbildern evident. Während sie die Stickbilder tatsächlich händisch ausführt, verwendet sie für ihre Strickbilder eine Maschine. Die persönliche und die mechanische Ausführung reflektieren Wahrnehmungsparameter unserer Gesellschaft.
Es sind die Namenlosen, deren Gesichter wir für den Bruchteil einer Sekunde wahrnehmen und ebenso schnell wieder vergessen, denen Tanja Boukal hier ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit widmet, denen sie durch ihre Werke eine neue Sprache verleiht.

 

Die Gegensätzlichkeit der paradiesischen Vorstellungen und der harten Realität jener, die es schaffen, ins „gelobte Land“ zu gelangen, zeigen die sechs gestrickten, großformatigen Bilder im zweiten Raum unter dem Titel “All that Glitter and Gold”: ebenfalls gestrickte Goldrahmen fassen die in schwarz-weiß gehaltenen Abbildungen unterschiedlicher Schicksale ein. Wieder sind es nicht die Namen der Dargestellten, sondern die Orte des Geschehens (Fuerteventura, Athen, Wien, München, Calais, Rom), die offenkundig machen, wie austauschbar und mannigfaltig ihre Schicksale sind – U-Haft, Prostitution, Opfer von Ausländerfeindlichkeit, ein Leben am Rande der Gesellschaft.

 

Die Strickbilder und ihre Wolle vermitteln eine heimelige, warme Atmosphäre, zeigen die Ambivalenz zwischen dem Material und dem Sujet: Während mittelalterliche Tapisserien das Idealbild des paradiesischen hortus conclusus zeigten, basieren die Strickbilder von Tanja Boukal auf Fotografien der harten Realität dessen, was MigrantInnen im vermeintlichen Paradies erwartet. Tapisserien hatten aber auch schon im Mittelalter didaktische Aufgaben, wie unter anderem an die höfischen Gesetze zu gemahnen. So versteht die Künstlerin auch ihre Strickbilder als erhobenen Zeigefinger für unsere bigotte Gesellschaft.

 

Der Barock anmutende, goldene Rahmen wirkt dabei wie Hohn  gegenüber dem zur Schau stellen menschlichen Elends, während in der politischen Realität der Europäischen Union die Menschenrechte verletzt werden, um keine mutmaßlichen Störenfriede in unser Paradies vordringen zu lassen. Das S/W-Bild erweckt Distanz, aber in seiner Anlehnung an das Zeitungsbild vermittelt es auch Seriosität. Der Goldrahmen macht das Bild zum Spiegel, der uns – wie jene Zauberspiegel im Märchen – die Wahrheit vor Augen hält.
Parallel dazu zeigen Schriftbahnen den Text der Europahymne „Ode an die Freude“; sie beginnt mit den Worten „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere.“.

 

Und als ob er dieser Aufforderung Folge leisten würde, hängen von einem Luster in der Mitte des Raumes die Worte „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ in den fünf wichtigsten Sprachen Europas – Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Es ist das einzige Sprichwort, das in einem ähnlichen Wortlaut tatsächlich in allen europäischen Sprachen existiert, die gleiche Bedeutung hat und sogar bis auf das Lateinische zurückgeht. „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ steht für die Intention eines bestimmten Selbstverständnisses: dafür, dass jeder sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss, um aus sich etwas zu machen.

 

Genau das haben die Männer und Frauen gewagt, die ihr Land verlassen haben, um in ihr Paradies zu gelangen. Dass genau das jedoch nicht zum erhofften Glück und Wohlstand geführt hat, zeigt Tanja Boukal, in dem sie die gläsernen Buchstaben verkohlt und verzerrt.

 

Dass Europa nicht jede und jeden in ihren Reihen willkommen heißt, wenngleich sie versuchen, ihres Glückes Schmied zu sein, wird sogar in einer weiteren Strophe der Europahymne deutlich:

 

„Wem der große Wurf gelungen, / eines Freundes Freund zu sein, / wer ein holdes Weib errungen, / mische seinen Jubel ein! / |: Ja, wer auch nur eine Seele / sein nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle / weinend sich aus diesem Bund. :|“

 

Welcome to paradise – if you don’t fit in, stay out – and have a safe journey back home.

 

Die Ausstellung ist noch bis 26. Juni 2010 zu sehen:
Galerie Peithner-Lichtenfels, Sonnenfelsgasse 6, 1010 Wien
Öffnungszeiten: Mo nach Vereinbarung, Di-Fr 10-18h, Sa 10-16h