Das Ägäis Projekt

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Tanja Boukal mit politisch brisanten Orten, verbunden mit dem Schicksal der Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben viele Entbehrungen auf sich nehmen und ihre Entscheidung manchmal mit ihrem Leben bezahlen.

Der sozio-politische Hintergrund

Das Meer der Ägäis ist ein stummer Friedhof, wo das Wasser bereits tausende Tote verschluckt hat. 2015 versuchten 848.000 Menschen die Flucht über die Ägäis in die EU. Etwa 3.735 Menschen starben dabei. Fast die Hälfte der Menschen kam aus Syrien, jeder Fünfte stammte aus Afghanistan, acht Prozent flohen aus dem Irak. In den ersten 20 Tagen des Jahres 2016 erreichten 35.455 Menschen Griechenland über das Mittelmeer. Mindestens 94 Menschen verloren bei der Überfahrt zu den Ostägäisinseln ihr Leben.

Obwohl die Zahl der Schutzsuchenden nach dem Inkrafttreten des Abkommens EU-Türkei im März gesunken ist, ist die Zahl der Flüchtenden, die nach Griechenland reisen, seither wieder gestiegen. Derzeit (September 2016) sind mindestens 15.000 Migranten auf den griechischen Inseln, die Aufnahmekapazität der Lager reicht nur für die Hälfte der Menschen. Und neue Boote kommen jeden Tag.

Die Recherche

Tanja Boukal hat 2016 während mehreren Aufenthalten in der Türkei und in Griechenland zur Lage und zum Elend der Menschen auf der Flucht recherchiert. Sie hat mit Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan über ihre gefährliche Reise gesprochen. Sie hat mit türkischen, griechischen und internationalen Flüchtlings-HelferInnen diskutiert und zusammengearbeitet.

Tanja Boukal war an vielen Plätzen, die kaum bekannt sind. Sie war in kleinen Buchten an der türkischen Küste, wo Rettungsringe und Kinderschuhe am Strand liegen und Kleidung im Wasser treibt. In Izmir wurde sie vertrieben, als sie die Geschäfte mit den Flüchtlingen dokumentieren wollte. Sie hat Flüchtlingslager gesucht, die nur am Papier existieren. In Dikili hat sie gemeinsam mit türkischen Aktivisten Abschiebungsbusse verfolgt.

Auf den griechischen Inseln Samos hat Tanja Boukal sich in die Flüchtlings-Camps eingeschmuggelt und gemeinsam mit Flüchtlingen das Elend der Lager dokumentiert. Mit der schwedischen Seerettung war sie vor Samos auf Rettungs-Mission. Sie hat die Friedhöfe besucht, wo auf verborgenen Äckern die Opfer der Festung Europa verscharrt werden.

Die Künstlerin hat aber auch viele positive Erlebnisse gehabt. Mit türkischen AktivistInnen hat sie über deren Unterstützung für Frauen auf der Flucht gesprochen. Mit Bewohnern war sie sich in Piräus einig, dass Hilfe Selbstverständlichkeit ist. Und mit sehr vielen geflüchteten Menschen hatten sie berührende Erlebnisse und wunderschöne Gespräche.

Über all dies berichtete sie auf ihrem Blog Das Ägäis Projekt.

Das Ägäis Projekt wurde erstmals im Rahmen der Ausstellung A World Not Ours im Sommer 2016 auf Samos (Griechenland) präsentiert.

Die künstlerische Umsetzung

Izmir Concrete ist eine Installation bestehend aus Fotografien und Zementblöcken. Sie  entstanden nach einem Aufenthalt in Basmane, einer Nachbarschaft im Herzen von Izmir, dem Geschäftszentrum der Menschenschmugglerindustrie und bietet Einsicht in das Geschäft und das, was dabei  unsichtbar bleibt.
 
Erinnerungen an Reisen und Träume ist ein, von der Künstlerin gestaltetes, Memoboard. Darauf sammelte sie ihre fotografischen Eindrücke der Bootsfahrt zwischen der Türkei und Griechenland. Es geht um eine absurde Situation, in welcher der Reisepass entscheidet, ob Sie auf eine idyllische Bootstour gehen oder Ihr Leben riskieren.

Schließlich produzierte Boukal auch ein neues Video, Unten am Meer, gefilmt auf einem Friedhof in Pythagorion (Samos) wo syrische Kinder, die die Überfahrt  nach Griechenland nicht überlebten, begraben worden sind.